DJing

Published on Februar 15th, 2018 | by Equal

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Vinyl oder Digital? Part One

Hallo zusammen und willkommen in meiner Kolumne,

mein Name ist Equal und ich lege seit nunmehr 10 Jahren auf verschiedensten Systemen auf. Von riemengetriebenen Plattenspielern über CD-Spieler und DJ-Controller kam mir hierbei so einiges unter die Finger und einen Teil dieser Erfahrungen möchte ich heute mit Euch teilen.

Zu allererst… ich bin kein Vinyl-Nazi wie man das so schön sagt, sondern erkenne die „benefits“ des digitalen Wandels neidlos an und auch in meinem aktuellen Set-Up spielt digital DJ-ing eine große Rolle (2x Numark TTX Pro, TraktorKontrol X1 & F1, NI Audio 8 DJ, Behringer DJX750 oder NI Kontrol Z2). Um kurz die klaren Vorteile herauszustellen:

  • 2 Plattenkoffer mit je 80 Kilo durch die halbe Stadt schleppen (Hexenschuss vorprogrammiert)
  • Batterien für die Taschenlampe vergessen die man im Mund hat, um die Cover im düsteren Schein des Clubs sehen zu können
  • 8€-15€ für einen Track ausgeben, da die B-Seite oft nicht zu gebrauchen ist.
  • Springende Nadeln aufgrund von alten und/oder dreckigen Platten
  • Nüchtern bleiben, da einem sonst die motorischen und akustischen Fähigkeiten abhandenkommen

Besonders die Punkte eins und drei veranlassen mich oft dazu den Großteil meiner Musiksammlung digital zu horten. Meistens spiele ich dann eine Kombination aus Timecode und echter Vinyl, es kommt aber auch manchmal nur das eine oder das andere zum Zuge womit wir direkt zum ersten Nachteil des Digital-DJ-ings gelangen:

Unser Freund – die Technik.

Erst letztens bei einem Gig (natürlich Mitten während der Prime-Time um 2Uhr, rechts läuft „Call On Me“ digital und links gleiche ich grade „Let me think about it“ digital an) setzte die Musik für einen Bruchteil einer Sekunde aus.

Dann kam die übliche Panik, ein hektischer Blick zum „Load“ (In Traktor die Anzeige zur CPU-Auslastung) – in Ordnung. Dann die TimeCode-Patterns – auch in Ordnung, Nadeln? – auch in Ordnung. Als ich grade am Überlegen war was ich jetzt noch prüfen könnte, setze die Musik ein zweites Mal aus und der Mixer (Z2) reagierte nicht mehr auf Interaktion… Dann plötzlich: Musik ganz aus…

Hektisch zog ich die erste Platte die ich in die Finger bekam aus dem Koffer hinter mir und schmiss sie auf den Teller. Am Mixer „Traktor Mode“ aus, Nadel auflegen, „Play“ drücken und die Musik läuft wieder. Soweit so gut. Da ich jedoch in der Mitte der Platte aufgesetzt hatte, musste ich noch eine weitere Scheibe auflegen bevor ich nach den Problemen am digitalen Setup fahnden konnte. Nachdem dann eine Best-Of Studio54 gelaufen ist (ich weiß nicht mehr welche oder welcher Track), versuchte ich mich am digitalen Set-Up.

Wenn man Vinyl spielt, hat man ja nicht so viel Zeit nebenher wie beim digitalen Auflegen, also arbeitete ich meine geistige Check-Liste so schnell wie möglich ab.

  • MacBook: funktioniert einwandfrei
  • Mixer funktioniert nur im „Through-Mode“, im Traktor Mode zeigt er keine Reaktion auf garnichts
  • Controller X1 funktioniert einwandfrei

Also was tun? Nächste Platte auflegen, Traktor neustarten – keine Veränderung, Mac neustarten – keine Veränderung. Nächste Platte auflegen. Als dann vielleicht ein oder zwei Stunden später eine kleine Durchsage gemacht wurde nutzte ich den Moment, Mixer neustarten auf Standardeinstellungen zurücksetzen – Traktor läuft wieder.

Das Problem an der Sache ist in diesem Fall natürlich klar was hätte ich getan, wenn ich nicht Vinyl und TimeCode gleichzeitig nutzen würde? Den Mixer im laufenden Betrieb neustarten?

Der ein oder andere würde nun natürlich sagen: „Tja mit einem Controller wäre dir das nicht passiert.“ Womit ich direkt zum zweiten Punkt überleiten möchte.

Auflegen ohne Platten ist wie Linsen ohne Spätzle? (für alle nicht-Schwaben: vgl.: Hölle auf Erden)

Einleitend erwähnte ich ja bereits, dass ich kein Vinyl-Nazi, bin aber aufgrund dessen was hier noch folgt möchte ich diesen Fakt noch einmal untermauern. Viele DJ’s aus meinem Bekanntenkreis und auch viele namhafte spielen reine Controller-Sets. Manche würden sich selber als Live-Act bezeichnen, ich bin jedoch etwas vorsichtiger mit diesem Ausdruck da für mich ein Live-Act in der Kategorie Underworld oder Anthony Rother liegt.

Aber zurück zum Thema… Wenn also Chris Liebing mit 4 oder mehr Decks ein Controller-Set spielt und dabei Live Samples und Remix Decks wie weitere 4 Decks benutzt, dann ist das absolut atemberaubend und nur schwer ohne Controller nachzuahmen. Dennoch ist dies leider ja eher der Ausnahmefall. Die meisten DJ’s die Controller verwenden, spielen zwei, maximal drei Decks und haben noch nie eine Platte oder auch nur einen CD-Spieler berührt.

Nachdem ich das Vergnügen mit einigen Controllern hatte (Kontrol S4 & S8, M-Audio Torq, Vestax VCI 300, Numark NVII, Pioneer DDJ-RR, u.a.), kann ich mit gutem Gewissen sagen dass das zwar Spaß macht und unglaublich praktisch ist, aber mir einfach das gewisse „Etwas“ fehlt.

  1. Das gewisse „Etwas“

Nun an dieser Stelle wird es etwas knifflig. Was ist denn eigentlich das gewisse „Etwas“? Für mich ist es das Gefühl des „schwarzen Goldes“ unter meinen Fingern, das leichte vibrieren des Plattenspielers beim Anhalten der Platte, Scratching und das Angleichen rein nach dem Gehör. Auch das vorher bereits erwähnte umdrehen, Platten schräg stellen, und mit einer Taschenlampe im Mund die Kiste zu durchsuchen gehört zu den Dingen die ich am Auflegen mit Platten so sehr schätze. Beim letztem Gig der DJ Bro’s (bei dem übrigens auch die Idee zu diesem Beitrag entstand) haben wir uns über genau dieses Thema unterhalten. DJ DEE kommt auch aus der „Vinyl-Vergangenheit“, hat aber mittlerweile alle seine Platten verkauft, und als er mir so beim sinnieren über die Vorzüge des analogen Auflegens zuhörte brachte er nur ein leicht sehnsüchtiges „Jaaaa…“ von sich.

Beim Auflegen mit Controllern und selbst auf der Wolke die uns Traktor Scratch bietet, fehlt mir manchmal das was noch zur Wolke Sieben, wie man so schön sagt, fehlt. Ich bin DJ aus Leidenschaft, bei mir war es immer nur die Liebe zur Musik welche mich an diesen Punkt getrieben hat. Eben diese Liebe denke ich fehlt heutzutage und kommt dem Volke der DJ’s immer mehr abhanden.

  1. Die Liebe zur Musik

Kann man noch von Liebe sprechen, wenn jeder „Halodri“ sich die Beatport DeepHouse Top 10 sogar als vorgeschnürtes Paket für 13,00€ kaufen kann? Diese dann mit seinem X1 im Sync Modus mit Play/Pause Taktik im präparierten Intro und Outro mixt und sich als Gößten feiern lässt?

Versteht mich nicht falsch aber worin liegt da genau die Liebe verborgen? Darin das man alleine auf die Idee kam sich die Top 10 und nicht die Top 100 zu saugen?

Jeder DJ der alten Schule wird sich daran erinnern was es heißt, Stunden lang im Plattenladen des Vertrauens zu verbringen. Eine Scheibe nach der anderen zu hören, Stapel zu machen und am Ende wieder Platte um Platte auszusortieren da man sonst bei einem Einkaufswert von 400€ und aufwärts läge. Dies brachte unsereins dazu, zu jeder Platte ein besonderes Verhältnis zu haben, jede einzelne war ihres Solls um ein hundertfaches wert. Die Kiste wurde immer extra für einen Abend zusammengestellt, in einem Koffer Platz für 80 Scheiben, genau durchdacht, jede Platte im Voraus beschriftet und dem geplanten Ablauf des Abends nach sortiert. Jede Platte für sich ein Goldstück um ein besonderes Gefühl an diesem Abend einzufangen. Ich weiß beispielsweise noch genau wie ich vor einiger Zeit meine Kopie von „Sebastian Leger & Chris Lake – Word/Ghost“ bekommen habe, einer der seltenen Fälle in denen man sich nicht entscheiden kann, welche Seite die bessere ist.

Das heißt natürlich nicht das das „Diggin‘ in the Crates“ digital nicht möglich ist, ich betreibe es ja selber (vorwiegend über die Plattform Beatport) aber es hat sich schon einiges geändert. Beispielsweise wie bereits erwähnt, dass der einzelne Wert eines Tracks (Ø 1,50€) verglichen mit einer Platte (Ø 10€) heute ganz anders ins Gewicht fällt. Da kommt man schon eher in die Situation: „Joa der klingt ja nicht schlecht… könnte ich vielleicht irgendwann mal brauchen“.

  1. Wo führt das hin?

Ich kann ja nur von mir sprechen, weiß aber, dass es vielen befreundeten DJ’s auch so geht. Auf meinem Mac, auf dem lange nicht alles drauf ist was sich so angesammelt hat, sind trotzdem immer im Schnitt 1.200 – 1.800 DJ-taugliche Tracks. Das ist eine verdammt riesige Menge. Obwohl ich das ganze Zeug sehr strukturiert geordnet habe, verliere ich langsam den Überblick. Wenn ein Set nicht minutiös vorbereitet, sondern improvisiert ist, weiß ich vor lauter „Bangern“ schon nicht mehr was ich spielen soll. Oft verzichte ich auch auf die Mühe, mich Stundenlang hinzusetzen und ein Set zu planen – „Ich hab ja genug, wird schon schief gehen“.

Tja mit Platten ist das kein Problem. Da kenne ich wie bereits erwähnt jede einzelne, im digitalen Umfeld jedoch erinner ich mich nicht mehr an Tracks die ich vor ein paar Monaten gekauft habe. Da hilft auch die von Beatport mitgelieferte Cover-Art nichts. Da hat man dann einen Track im Kopf den man spielen will („ahh ja dieses du-wab-wab-du“) kann sich aber nicht an den Namen erinnern. Selbst wenn man weiß wann man ihn gekauft hat landet man in einem Ordner mit 30/40 Tracks von denen kaum einer einem etwas sagt. Pech gehabt – muss halt ein anderer her, aber zum Glück ist die Auswahl so groß.

Ferner resultiert dies in einer Monotonie die mir besonders in der elektronischen Szene zurzeit sehr zu schaffen macht. Durch diese extreme Vielfalt die einem geboten wird – ähnlich wie im Supermarkt – könnte man sich theoretisch zwar frei durch die Sphären der Musikauswahl bewegen, endet aber meistens trotzdem bei den Top 10. Weil ganz ehrlich wer hat schon die Zeit sich jede Woche hunderte neuer Releases reinzuziehen?

Wenn ich dann mal in den Club gehe höre ich Musik, begradigt wie unsere Flüsse, stumpf ein Genre über 2 Stunden gehalten und 80% Tracks die ich schon mal irgendwo gehört hab. Also nichts gegen Claptone, CamelPhat und Croatia Squad – benutze ich ja auch gerne.

Weiter führt das Syncen der Tracks dazu das irgendwie das „Leben“ in den DJ-Sets fehlt, für mich gehört einfach das Knistern einer Platte oder leichte Turbulenzen im Sound beim Angleichen irgendwie dazu. Mit ständiger Verwendung des Sync-Modus wird es irgendwie statisch. Fehler machen das ganze lebendiger, wir sind ja Menschen und keine Maschinen. Hier liebe ich die Tapes von DJ Spinbad und um es elektronisch zu halten u.a. Fedde le Grand.

 

Der Weg des Kriegers.

Zum Ende hin fällt mir dann auf das ich ziemlich weit ausgeholt habe, sorry for that. Aber wie ihr feststellt ist dies ein heikles Thema über das sich bis zur Vergasung philosophieren lässt. Vielleicht schreibe ich mal noch eine zweite Kolumne in der ich z.B. über die rein audiophilen Begebenheiten oder Verschleiß vor mich hin „babble“. Bevor ich euch jedoch aus diesem Monolog entlasse möchte ich noch eine letzte Sache thematisieren die mir sehr wichtig ist. Als Metapher möchte ich mich hierbei bei den Kampfkünsten bedienen.

Nun seid ihr auf dem Weg Krieger zu werden. Ihr könnt euch direkt den modernen Waffensystemen wie Scharfschützengewehren und MP’s widmen, mit denen das Töten ziemlich einfach wird, jedoch wird euch jeder Ausbilder auch den Nahkampf nahe führen. Als die Königin unter den Methoden gilt dies als der fundamentale Baustein um aus euch einen passablen Kämpfer zu machen, denn nirgendwo lernt ihr mehr über euch und euren Gegner als darin.

Dies lässt sich quasi eins zu eins auf das DJ-sein übertragen. Das Rhythmusgefühl, das Zählen, angleichen und hören von Harmonien sowie vieles anders wird euch kaum oder nur schwer gelingen, wenn ihr von vornherein nur auf elektronische Hilfsmittel zurückgreift. Damit meine ich nicht das Ihr nicht mit einem Controller beginnen dürft – habe ich selber auch gemacht – aber nehmt euch die Zeit und versucht euch mal an der analogen Variante der Lerneffekt für Euch ist zwar aufwendig, lohnt sich aber allemal.

Daher mein Fazit, für diese erste Kolumne:

Digitalisierung und Controller sind toll, sie bieten ein breites Spektrum an Möglichkeiten und lassen euch das Auflegen auf ganz neue Ebenen anheben. Sie bieten etliche Vorteile gegenüber Platten, jedoch haben Sie auch einige Nachteile. Letzten Endes bleibt es jedem selbst überlassen was er wie machen möchte. Ich kann nur jedem von euch Einsteigern raten: Achtet die Kunst und eurer Wurzeln, und gebt dem Ganzen eine Chance! Um frei nach Franz Kafka zu zitieren:

„Der leichteste Weg, ist nicht immer der Beste!“

 

Damit wünsche ich euch eine gute Zeit und viel Erfolg bei eurer Karriere.

Wenn ihr mal eine Frage habt könnt Ihr euch natürlich gerne über meine FB-Page (auch wenn ich sie nicht pflege) oder meinen Mixcloud-Account an mich wenden.

 

https://www.facebook.com/equaldj/

http://mixcloud.com/equaldj

 

Servus,

Euer Equal

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About the Author

Der Stuttgarter Equal steht als klassischer Vinyl-Fetischist seit nunmehr 10 Jahren hinter den Decks. Mit den Federn eines Hip-Hop und eines Acid- & Hard-Techno DJ-Lehrmeisters gezeichnet, prägte sich früh die Abneigung gegen feste Stilrichtungen und die Variabilität in musikalischer Vielfalt die ihn bis heute auszeichnet. Sein Style ist elektronisch. Von Bass und Garage über DeepHouse und House bis hin zu Elektro, Techno und Acid ist er für jeden Spaß zu haben.



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